26. Juli 2026
Der Zwang ist die treibende Kraft hinter dem endlosen Streben, eine unerbittliche, flüsternde Stimme im Innern, die niemals zur Ruhe kommt. Er ist der unsichtbare Motor, der auf der Illusion des Mangels beruht. Wu Wei ist das radikale Gegenmittel zu diesem Zwang. Es ist nicht einfach nur eine andere Strategie, um effizienter zu sein oder Stress besser zu bewältigen. Es ist eine grundlegende Neuorientierung der gesamten Existenz, die mit der Erlaubnis beginnt, nicht ständig handeln zu müssen.
19. Juli 2026
Wir zweifeln an unseren Fähigkeiten, an unseren Entscheidungen, an unserem Wert. Dieser Zweifel lähmt uns oder treibt uns zu übermäßiger Kompensation an, zu dem zwanghaften Bedürfnis, uns und anderen zu beweisen, dass wir gut genug sind. Wu Wei rät ausdrücklich nicht dazu, Zweifel zu unterdrücken oder zu verurteilen, sondern sie als Teil vom Fluss der Dinge wahrzunehmen. Wir können sie aber auch - in Demut vor der Komplexität der Welt - als Hinweis auf unsere eigenen Grenzen betrachten.
12. Juli 2026
Im Herzen der menschlichen Erfahrung liegen tief verwurzelte Ängste, Zweifel und ein unaufhörlicher innerer Zwang, sich zu beweisen und die Kontrolle zu behalten. Diese Kräfte treiben uns an, unermüdlich zu streben, zu kämpfen und uns abzumühen. Oft im vergeblichen Glauben, dass wir durch diese Anstrengung Sicherheit und Frieden finden können. Die Philosophie des Wu Wei bietet einen tiefgreifenden Weg, diese fundamentalen Leiden durch die Erfahrung der Verbundenheit mit dem Tao zu überwinden.
05. Juli 2026
Gestern bin ich auf dem Oberalppass, dem Ziel des Bündner Jakobswegs, angekommen. Dass dieser Weg für mich von Anfang bis Ende unter einem so guten Stern stand, kann ich nur - wie bereits vor einer Woche - als Wunder bezeichnen. Letzten Sonntag ging es um Achtsamkeit und Lebendigkeit als Voraussetzung für das Erkennen der Wunder. Damit Wunder geschehen können, braucht es aber auch Liebe und Vertrauen als innere Einstellung. Hierzu gibt es ein Zitat von Hermann Hesse und ein paar Bilder vom Weg.
28. Juni 2026
Mittlerweile liegen 11 Etappen auf dem Bündner Jakobsweg hinter mir. Drei Passüberquerungen haben den Blick auf immer wieder neue Landschaften eröffnet, und mit jedem bezwungenen Berg und hinter jeder Kurve zeigt sich die Schöpfung von einer neuen, kreativen Seite. Das Entscheidende aber ist, dass mir allein auf der bisherigen Wegstrecke so vieles erfahren und begegnet ist, was ich nur als Wunder bezeichnen kann. Dazu gibt es in diesem Brief ein Zitat von Thích Nhất Hạnh und ein paar Bilder.
21. Juni 2026
Mit einem Traum fing es an, und nun bin ich bereits sechs Tage auf dem Bündner Jakobsweg unterwegs! Hier bekommst Du eine Auswahl von ein paar Bildern vom Weg. Falls auch Deine Sehnsucht - wie im Text von Susanne Niemeyer - davon träumt, was noch möglich ist, möchte ich Dich mit einem Zitat von George Bernard Shaw ermutigen: "Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?"
14. Juni 2026
Heute möchte ich Dich einladen, zu träumen. Denn mit einem Traum fängt alles an. Ein solcher Traum soll die kommenden drei Wochen Wirklichkeit werden. Und so sage ich: „Ich bin dann mal weg“. Die Route folgt dem Bündner Jakobsweg und führt einmal quer durch meinen Schweizer Heimatkanton. Natürlich möchte ich Dich ab der kommenden Woche mit ein paar Eindrücken in meine Traumwelt entführen. Für heute bleibe ich bei der Einladung, selbst zu träumen. Mit einem Text von Susanne Niemeyer.
07. Juni 2026
Ich begleite gerade eine Pilgergruppe auf dem Jakobsweg Via Scandinavica von Lübeck nach Büchen. Es ist eine neue Tour, die es so nicht wieder geben wird. Daher möchte ich heute ein paar Eindrücke der vergangenen drei Tage mit Dir teilen. Sie entstanden auf der Wegstrecke von Lübeck über Ratzeburg nach Mölln. Morgen wird die Tour in Büchen enden. Laozi (Lao-Tse), legendärer chinesischer Philosoph und Schöpfer von Wu Wei, sagte: Wer sein Ziel kennt, findet den Weg.
31. Mai 2026
Die Weisheit von Wu Wei erstreckt sich auch auf die komplexesten und herausforderndsten Bereiche menschlicher Interaktion, einschließlich Deiner Führungsverantwortung in Job, Ehrenamt oder Familie. Auf den ersten Blick mag die Idee des Nicht-Handelns in diesen Arenen, die nicht selten von Macht, Strategie und Konfrontation geprägt sind, absurd erscheinen. Doch gerade hier offenbart Wu Wei seine tiefste strategische Brillanz, den Erfolg durch Anpassung statt Konfrontation.
24. Mai 2026
Heute möchte ich mit Dir nicht nur ein paar Eindrücke vom Schweizer Jakobsweg von Lausanne nach Genf teilen, sondern auch den großartigen Satz, der den Titel dieses Briefes bildet. Die von mir schon des Öfteren zitierte Giannina Wedde hat ihn als Jugendliche in einem Priesterseminar entdeckt, wo ihn jemand an die Wand geschrieben hatte. Ich finde, er bringt den Kern von Laozi’s Wu Wei auf den Punkt: "Gott, rette mich von den Vorstellungen über mein Leben"

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Ralph Markus Mächler

Pilgerbegleiter

Max-Brauer-Allee 26, 22765 Hamburg