Brief 343 - Im Zweifelsfalle... lesen:

Eng mit der vor einer Woche thematisierten Angst verbunden ist der Zweifel. Wir zweifeln an unseren Fähigkeiten, an unseren Entscheidungen, an unserem Wert. Dieser Zweifel lähmt uns oder treibt uns zu übermäßiger Kompensation an, zu dem zwanghaften Bedürfnis, uns und anderen zu beweisen, dass wir gut genug sind.

Der Zweifel entsteht aus dem ständigen Vergleichen und Urteilen des Egos. Das Ego misst sich an anderen, an Idealen, an vergangenen Erfolgen und Misserfolgen.

 

Wu Wei rät ausdrücklich nicht dazu, Zweifel zu unterdrücken oder zu verurteilen, sondern sie als Teil vom Fluss der Dinge und von unseren Erfahrungen wahrzunehmen.

Wir können sie aber auch als Hinweis auf unsere eigenen Grenzen betrachten. Dann erzwingen wir keine Handlung, sondern verneigen uns mit Demut vor der Komplexität der Welt. Wir lernen noch, brauchen noch etwas Zeit, bis sich eine Lösung auftut oder wir die Geschehnisse objektiv erkennen können.

 

Der österreichisch-israelische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) meinte:

 

Der Zweifel gehört zur echten Fruchtbarkeit, man muss durch ihn hindurch,

es geht kein anderer Weg als dieser gefahrvolle in die große Gewissheit.

 

Generell verlagert Wu Wei den Fokus vom Ergebnis auf die Handlung. Wenn diese um ihrer selbst Willen geschieht, in reiner, absichtsloser Präsenz, gibt es keinen Raum für Zweifel. Dann entsteht ein Zustand von Flow, in dem es keine Selbstkritik mehr gibt, nur reines Sein und Tun.

 

Indem wir lernen, immer wieder in diesen Zustand der absichtslosen Präsenz zurückzukehren, entwässern wir den Boden, auf dem der Zweifel gedeiht.

Ralph Markus Mächler

Pilgerbegleiter

Max-Brauer-Allee 26, 22765 Hamburg