Bei der gerade zurückliegenden Pilgertour auf dem Jakobsweg Via Baltica war die Philosophie von Wu Wei unser Leitthema. Die größte Lehrmeisterin hierzu war die Natur. Denn in ihren Zyklen und Prozessen offenbart sich die Weisheit des mühelosen Wirkens in ihrer reinsten Form.
Die alten taoistischen Meister verbrachten unzählige Stunden damit, die Welt um sich herum zu beobachten; nicht um sie zu analysieren und zu katalogisieren, sondern um ihre Essenz zu spüren und von ihr zu lernen.
Unter allen natürlichen Phänomenen erkannten sie zwei, welche die Prinzipien von Wu Wei besonders kraftvoll verkörpern: Das Wasser und der Bambus.
Wasser ist das vielleicht tiefgründigste Symbol für die Kraft, die in der Sanftheit liegt. Das Tao-te-king sagt: „Nichts auf der Welt ist weicher und nachgiebiger als Wasser. Doch um das Harte und Starre anzugreifen, kommt ihm nichts gleich.“
Das ist das zentrale Paradox. Wasser hat keine eigene Form. Es nimmt die Form jedes Gefäßes an, das es enthält. Es widersetzt sich keinem Hindernis, es fließt um es herum. Wenn es auf einen Felsen trifft, kämpft es nicht gegen ihn, es teilt sich, umfließt ihn und vereinigt sich dahinter wieder. Es sucht immer den Weg des geringsten Widerstands, den tiefsten Punkt. In dieser Nachgiebigkeit liegt seine unbezwingbare Stärke.
Auf den ersten Blick mag diese Eigenschaft als Schwäche erscheinen. Unsere Kultur preist das Feste, das Unerschütterliche, den Fels in der Brandung. Doch die Weisheit des Tao erkennt, dass das Nachgiebige auf lange Sicht immer das Starre besiegt. Mit geduldiger Beständigkeit kann ein sanfter Tropfen Wasser den härtesten Stein aushöhlen. Ein Fluss kann über Jahrtausende hinweg tiefe Schluchten in massive Gebirgszüge graben. Seine Kraft liegt nicht in einem einzigen, gewaltigen Angriff, sondern in seinem unaufhörlichen, sanften Fließen.
Wu Wei anzuwenden bedeutet, wie Wasser zu werden.
Im Umgang mit Konflikten bedeutet es, nicht auf Konfrontationskurs zu gehen, nicht Kraft mit Gegenkraft zu beantworten. Stattdessen geht es darum, nachzugeben, die Energie des Angreifers zu absorbieren und umzulenken, einen Weg um das Hindernis herum zu finden.
Im Angesicht von Problemen bedeutet es, nicht in Panik zu verfallen und verzweifelt gegen die Schwierigkeiten anzukämpfen, sondern die Situation zu akzeptieren, flexibel zu bleiben und nach dem natürlichen Lösungsweg zu suchen, der sich oft an der unerwartetsten Stelle auftut.
Wasser reinigt auch und nährt. Es gibt sein Leben, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Es fließt zu den niedrigsten Orten, die andere verachten und bringt dort Fruchtbarkeit und Leben. Der Weise, der Wu Wei praktiziert, handelt ebenso. Er sucht nicht nach Ruhm und Anerkennung an den höchsten Stellen. Er wirkt oft im Verborgenen, dort, wo er am meisten gebraucht wird, und seine Handlungen bringen Segen, ohne dass er dafür Anerkennung fordert.
