Brief 323 - Vom erzwungenen Handeln zum mühelosen Wirken

Der fundamentale Unterschied zwischen einem Leben, das von Anstrengung geprägt ist, und einem, das im Geiste von Wu Wei gelebt wird, lässt sich am besten durch den Kontrast zwischen erzwungenem Handeln und mühelosem Wirken verstehen.

 

Erzwungenes Handeln, im Taoismus als Yu Wei bekannt, entspringt dem Ego. Das Ego ist jener Teil von uns, der sich getrennt vom Rest der Welt fühlt. Es ist von Natur aus unsicher und ängstlich. Um seine Existenz zu bestätigen und seine Ängste zu beschwichtigen, versucht es ständig, die äußere Welt zu kontrollieren und zu manipulieren. Es setzt sich starre Ziele, die auf Begierde oder Furcht basieren. Beispielhaft wäre der Wunsch nach Reichtum, Macht, Anerkennung oder die Furcht vor Mangel, Verlust und Bedeutungslosigkeit zu nennen.

Um seine Ziele zu erreichen, entwickelt das Ego komplexe Strategien und Pläne. Es analysiert, kalkuliert und versucht, jede Variable vorherzusehen. Wenn die Realität nicht mit dem Plan übereinstimmt, reagiert das Ego mit Frustration, Ärger und noch größerer Anstrengung. Es versucht, die Hindernisse mit Gewalt aus dem Weg zu räumen. Dieses Handeln ist oft laut, sichtbar und erzeugt eine Menge Reibung.

Ein Leben, das von Yu Wei dominiert wird, ist ein Leben des ständigen Kampfes. Es ist ein Kampf gegen die Umstände, gegen andere Menschen und letztlich gegen sich selbst. Es ist anstrengend, kräftezehrend und führt selten zu wahrer Zufriedenheit. Selbst wenn das Ego seine Ziele erreicht, ist der Sieg oft hohl.

 

Müheloses Wirken, Wu Wei, entspringt einer völlig anderen Quelle. Es kommt nicht aus dem getrennten Ego, sondern aus der Verbindung mit dem Tao, mit dem größeren Ganzen. Der Mensch, der Wu Wei praktiziert, hat erkannt, dass seine wahre Identität nicht auf sein kleines, persönliches Selbst beschränkt ist. Er fühlt sich als Teil des universellen Flusses. Sein Handeln wird nicht von Angst oder Begierde angetrieben, sondern von einem tiefen Gespür für das, was im gegenwärtigen Moment richtig und stimmig ist. Anstatt starre Pläne zu schmieden, bleibt er offen und flexibel. Er beobachtet den Lauf der Dinge mit geduldiger Aufmerksamkeit. Er wartet auf den richtigen Moment, den Kairos, den Augenblick, in dem eine kleine, gezielte Handlung eine große Wirkung entfalten kann, weil sie in Einklang mit den vorherrschenden Kräften steht. Sein Handeln ist leise, oft unsichtbar und erzeugt keine Reibung. Es ist wie das Öffnen einer Schleuse im richtigen Moment, wodurch das Wasser von selbst in die gewünschte Richtung fließt.

 

Mögest auch Du diese Erfahrung machen. Die gegenwärtige Passionszeit wäre eine gute Gelegenheit, auf erzwungenes Handeln zu verzichten und im Vertrauen auf die universelle Schöpferkraft müheloses Wirken zu praktizieren.