Wie angekündigt, möchte ich mich mit den nächsten Briefen der These annähern, dass durch Nicht-Handeln nichts ungetan bleibt. Sie mag Dir erstmal als paradox erscheinen, steht sie doch mit unserer Kultur in krassem Widerspruch. Im Taoismus hingegen bildet sie ein zentrales Element, das als Wu Wei bezeichnet wird.
In unserer Gesellschaft gilt es als vernünftig, sich Ziele zu setzen und für diese Ziele, genauso wie für unsere Überzeugungen, zu kämpfen. Gegebenenfalls wird versucht, gegen den Strom zu rudern und die Umstände oder die Menschen um sich herum zu manipulieren. Manchmal mit Erfolg, doch dieser Erfolg ist teuer erkauft. Er kostet Energie, den inneren Frieden und hinterlässt oft eine Spur der Zerstörung. Man gewinnt eine Schlacht, aber verliert die Verbindung zum großen Ganzen.
Wu Wei lehrt einen anderen Weg. Es ist der Weg des Weisen, der erkennt, dass das Universum einem eigenen, intelligenten Rhythmus folgt. Dem des Tao.
Das Tao ist der unbenennbare, ewige Fluss, die Quelle aller Dinge, die Ordnung im Chaos. Es ist nicht gut oder schlecht, es ist einfach. Es wirkt ohne Absicht, erschafft ohne Besitzanspruch und vollendet, ohne Ruhm zu suchen.
Wenn wir lernen, unser Handeln mit diesem kosmischen Fluss in Einklang zu bringen, werden unsere Handlungen nicht mehr von unserem ängstlichen, begrenzten Ego diktiert, sondern von einer tieferen, universellen Intelligenz geleitet. Wir hören auf, Wellen zu schlagen und lernen stattdessen, auf ihnen zu reiten. Der Sieg, den Wu Wei verspricht, ist kein Sieg über einen äußeren Feind, es ist der Sieg über das eigene, zwanghafte Selbst; über die Illusion, dass wir die Welt durch Willenskraft kontrollieren müssen.
Wenn diese Illusion zerbricht, entdecken wir eine Freiheit und eine Macht, die weit über das hinausgeht, was wir uns je vorstellen konnten. Wir werden wie Wasser, das sich jeder Form anpasst und doch jeden Felsen bezwingen kann. Wir werden wie der leere Raum in einem Gefäß, der seine Nützlichkeit ausmacht. Wir lernen, dass die größte Stärke nicht in Angriff liegt, sondern in Loslassen. Nicht in Festhalten, sondern in fließen lassen.
Für mich persönlich ist es die Lektion für den Pilgerweg durch das neue Jahr. Ich würde mich freuen, wenn Du mich dabei begleitest und wir kommende Woche die ersten Schritte auf diesem Weg gemeinsam gehen.
