Brief 312 - Die Seele braucht Reibung, um zu glänzen

In einem ihrer Tagebücher schrieb Elisabeth Kübler-Ross:

 

Leid ist der Schatten der Liebe. Ohne ihn würden wir sie nicht sehen.

 

Der Mensch erlebt Schmerz, weil er fähig ist zu fühlen, und fühlen ist der Rohstoff des Bewusstseins.

Schmerz ist die Reibung, die Erkenntnis erzeugt.

 

Leid zerstört das Ego, die kleine Identität, die glaubt, Kontrolle zu haben. Es zwingt uns loszulassen, uns zu ergeben, uns an das Leben selbst zu übergeben.

 

Die Seele braucht Reibung, um zu glänzen.

 

In dieser poetischen Formulierung steckt eine tiefe Wahrheit, denn erst durch die Konfrontation mit dem Leid erkennt die Seele ihre wahre Natur. Sie erkennt, dass sie unzerstörbar ist.

Schmerz zeigt uns, was wir nicht sind. Wir sind nicht der Körper, der leidet, nicht die Angst, die zittert, nicht die Erinnerung, die schmerzt.

Wir sind das Bewusstsein, das all dies wahrnimmt. Wenn wir das verstehen, befreien wir uns von der Identifikation mit dem Leiden.

 

Die Lektion des Traums vom Leben ist immer dieselbe: Liebe!

Nicht die romantische Liebe, sondern Liebe als Bewusstheitszustand, als das, was alles durchdringt.

Elisabeth Kübler-Ross erkannte, dass die Seele in jedem Leben bestimmte Aspekte dieser Liebe erforscht. Manche lernen zu geben, andere zu vergeben. Manche lernen sich zu trauen, andere zu vertrauen.

Die Freiheit der Seele liegt darin, dass sie wählen kann. Nicht, was geschieht, sondern wie sie darauf reagiert.

Darin liegt die wahre Macht des Menschen. Nicht in der Kontrolle über das Außen, sondern in der inneren Haltung zum Unvermeidlichen.

 

Die Seele ist niemals Opfer. Sie ist Schülerin, Reisende, Schöpferin. Sie wählt, weil sie frei ist, und diese Freiheit ist der Kern ihrer Göttlichkeit.

Diese Erkenntnis nimmt uns die Illusion der Zufälligkeit, aber auch die Bequemlichkeit des Opferseins. Sie verlangt Verantwortung. Nicht moralisch, sondern existenziell.