Elisabeth Kübler-Ross sprach oft davon, dass die Seele kein moralisches Wesen im menschlichen Sinn ist. Sie denkt nicht in Kategorien von gut und böse, von Belohnung oder Strafe. Sie strebt nach Erfahrung, nach Tiefe, nach Erkenntnis, nach Ausdehnung. Für die Seele ist Schmerz kein Widerspruch zur Liebe, sondern eine ihrer Ausdrucksformen. So wie Dunkelheit notwendig ist, um das Licht sichtbar zu machen, ist Leid notwendig, um Mitgefühl zu verstehen. Sie meinte:
Wir sind mehr als Körper. Wir sind Bewusstsein, das sich selbst erfährt.
Und jedes Leben ist eine Bühne, auf der dieses Bewusstsein spielt, um sich zu erinnern, was es wirklich ist.
In unzähligen Gesprächen beschrieb Elisabeth Kübler-Ross, dass die Seele offenbar Erfahrungen wählt, die bestimmte Qualitäten in uns freilegen: Mut, Mitgefühl, Geduld, Vertrauen, Hingabe. Kein Buch, kein Lehrer kann diese Eigenschaften lehren, nur das Leben selbst. Und das Leben tut es, indem es uns in Situationen bringt, die uns auffordern, unser inneres Potential zu entfalten.
Wenn ein Mensch mit einer schweren Krankheit lebt, lernt er Geduld und Akzeptanz zu entwickeln. Wenn jemand Verlust erlebt, lernt er loszulassen und zu lieben, ohne zu besitzen. Wenn jemand verraten wird, lernt er Vergebung zu finden.
Diese Erfahrungen sind keine Strafen. Sie sind Werkzeuge, mit denen die Seele sich selbst formt.
In einem ihrer letzten Vorträge sagte sie:
Die Seele wählt nicht das leichte Leben, sie wählt das Leben, das sie wachsen lässt.
Diese Aussage bedeutet nicht, dass man Leid suchen soll. Sie bedeutet, dass man es als Lehrer erkennt, wenn es kommt. Denn in jedem Schmerz liegt eine Einladung, sich zu öffnen. Wer das versteht, verwandelt sein Leid in Bewusstsein.
Der Verstand sucht Sicherheit, Kontrolle und Ordnung. Die Seele sucht Erfahrung.
In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Befreiung. Wir sind nicht Opfer des Schicksals, sondern Mitgestalter unserer eigenen Entwicklung.
Elisabeth Kübler-Ross war überzeugt:
Das Universum ist kein Gericht, es ist eine Schule. Diese Schule ist nicht grausam, sie ist geduldig. Sie wiederholt die Lektionen, bis sie gelernt sind und sie vergibt, wenn wir scheitern.
