Brief 310 - Das Leben ist dazu da, uns wach zu machen

Warum erleben manche Menschen scheinbar endloses Leid, während andere ein Leben in Frieden führen? Warum wird ein Kind krank geboren? Warum verliert jemand die Liebe seines Lebens? Warum trifft Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag gerade jene, die nichts als Güte ausstrahlen?

Ist das Zufall, Strafe, ein kosmisches Versehen oder steckt ein tieferer Sinn dahinter?

 

Die 1926 in Zürich geborene und 2004 in Scottsdale, Arizona verstorbene Psychiaterin und weltweit anerkannte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross stand genau vor diesem Rätsel, als sie nach Jahren der Begleitung von Sterbenden begann, Muster zu erkennen, die wissenschaftlich nicht mehr zu erklären waren.

Je mehr sie zuhörte, desto deutlicher wurde ihr klar: Es gibt keine zufälligen Leben. In all dem Chaos, im Schmerz, in den Katastrophen, die das menschliche Herz zerreißen, schien eine unsichtbare Ordnung zu wirken. Nicht grausam, sondern einem Ziel dienend.

Menschen, die Nahtoderfahrungen überlebt hatten, sprachen von einem Moment des Verstehens, einem Rückblick auf ihr Leben, in dem sie nicht nur sahen, was sie getan hatten, sondern verstanden, warum es so geschehen musste.

Immer wieder tauchte in diesen Berichten dieselbe Erkenntnis auf: Nichts war sinnlos. Nicht der Verlust, nicht die Krankheit, nicht die scheinbar ungerechte Geburt in Armut oder Gewalt. Alles hatte einen Zweck, einen, der erst jenseits des Körpers sichtbar wurde.

Elisabeth Kübler-Ross begann zu verstehen, dass Leid kein Zufall ist, sondern eine Funktion erfüllt, eine Sprache ist, in der die Seele zu sich selbst spricht. Sie schrieb:

 

Das Leben ist nicht dazu da, uns glücklich zu machen, sondern wach.

 

Elisabeth Kübler-Ross begriff, dass die Seele nicht denkt wie der menschliche Verstand. Für die Seele ist Leid kein Scheitern, sondern eine Erfahrung, die Tiefe schafft.

So wie ein Musiker Dissonanz braucht, um Harmonie zu verstehen, braucht die Seele Herausforderung, um Mitgefühl, Mut und Liebe wirklich zu begreifen. Sie sagte:

 

Wir sind nicht hier, um Strafe zu erleiden. Wir sind hier, um zu lernen.

Und die schwierigsten Lektionen sind die, die uns am meisten öffnen.

 

Wenn das wahr ist, dann ist nichts mehr sinnlos. Dann wird jedes Schicksal zu einer Reise der Erkenntnis.

 

So möchte ich Dich in der diesjährigen Adventszeit zu einer Reise einladen, die uns unserem wahren Wesen und dem Wesen des Lebens näher bringt. Denn Adventus bedeutet Ankunft.

Ralph Markus Mächler

Pilgerbegleiter

Max-Brauer-Allee 26, 22765 Hamburg